Visionen eines Computerheinis

Julius ging wie immer nur widerwillig zur Schule. Er mochte sie einfach nicht. Es waren die 4 bis 6 Stunden am Tag an denen er nicht vor seinem C64 hängen konnte. Es war die Zeit, in der er sich unter anderen Menschen bewegen musste. Die Zeit, in der es darauf ankam nett zu sein und vor allem vernünftige Klamotten zu tragen. Und er hasste fast nichts so sehr wie seine Cordhose. Nur die Schule, die hasste er eben noch mehr. Wobei die Mischung Schule und Cordhose eigentlich überhaupt nicht ging, doch seine Mutter sagte nur, dass es so sein müsse. Und wer wiederspricht schon gerne seiner Mutter, immerhin hatte sie die Befehlsgewalt über den Computer…

Julius war ein Außenseiter. Das wusste er auch. Seine Welt war dies hier alles nicht. Der Computer und die Welt dahinter, dass war seine Welt. Er war nur der einzige der dies erkannt hatte und stand deswegen immer alleine in der Pause auf dem Schulhof. Innerlich zählte er schon die Minuten bis die Schule endlich zu Ende war und er bog mit seinem Fahrrad gerade erst auf den Schulhof ein.

Wie immer versuchte er sich so unauffällig wie möglich über den Schulhof zu bewegen. Wirklich schwer war dies aber nicht, es nahm selten einer Notiz von ihm. Im Unterricht meldete er sich selten bis gar nicht. Warum auch. Es interessierte ihn nicht sonderlich was der Lehrer da erzählte. Julius war kein schlechter Schüler, gewiss nicht. Seine Arbeiten hatten immer einen sehr guten Durchschnitt. Er fiel kaum auf im Unterricht und auch ansonsten war er ein guter Schüler. Nur eben auch ein sehr gelangweilter Schüler.

Meist war er damit beschäftigt irgendwelche unverständlichen Sätze und Zeichen auf ein Blatt Papier zu kritzeln. Wenn die Lehrer ihn mal dabei erwischt hatten, waren sie immer sehr verwundert über das was sie da sahen. Er hatte es ein paar mal versucht zu erklären was das ist. Das sei Programmcode hat er gesagt. Das sei für sein neues Programm. Ein kleines Spiel für den C64, sagte er. Doch die Lehrer verstanden natürlich rein gar nichts, zerknüllten das Papier und warfen es weg.

Oft genug wollte er deswegen aufstehen und den Lehrer mal richtig zu Sau machen, wie er es denn wagen könnte seinen Programmcode zu vernichten. Doch er stand nie auf. Sagte nie seine Meinung. Er ließ es einfach über sich ergehen. Er ärgerte sich zwar, aber er wusste auch, dass er am Ende des Unterrichtes im Vorbeigehen kurz in den Müllkorb greifen würde und schon hätte er seinen Code wieder. Das war einfacher als sich zu beschweren und Aufmerksamkeit zu erregen.

Der Rückweg von der Schule ging immer schneller als das hinkommen. Er wollte ja auch nach Hause. Seine Mutter zwang ihn etwas zu essen und dann die Hausaufgaben zu machen. Vorher durfte er einfach nicht an den Computer. Das war zwar nervig, aber im laufe der Zeit hatte er herausgefunden, dass es einfach schneller geht, wenn er macht was seine Mutter verlangte, als mit ihr zu diskutieren. Und da er nur maximal fünf Stunden am Tag an den Computer durfte, wollte er keine unnütze Zeit mit Diskussionen verbringen.

Nachdem er also seine Hausaufgaben erledigt hatte und was gegessen hatte, setze er sich vor den Computer. Er schaltet ihn an und sofort wurde seine Laune besser. Er packte das zerknüllte Papier aus, strich es glatt und übertrug seine Notizen in den Computer. Er war sich bewusst, dass es nicht der beste Code war, ja nicht einmal das beste Spiel aller Zeiten. Es würde gerade einmal reichen um ein „Naja, ganz nett…“ von irgendjemandem zu bekommen. Doch das war ihm egal.

Er hatte eine Vision. Und um diese Vision wahr werden zu lassen, musste er klein anfangen, das wusste er. Hier ein bisschen programmieren und dort ein bisschen programmieren. Eines Tages wird er soweit sein. Eines Tages würde seine Vision wahr werden. Ärgerlich war einfach nur, dass er damit alleine da stand. Niemand glaubte an ihn, niemand verstand überhaupt was er da den ganzen Tag machte. Wie oft hat seine Mutter versucht ihn dazu zu bewegen doch mal vor die Tür zu gehen, mit den anderen Jungs Fußball zu spielen, ja sie wäre sogar froh gewesen, wenn er das Rauchen angefangen hätte, nur um ihn mal zu erleben wenn er nicht vor dem Computer sitzt.

Heute ist also wieder so ein Tag. Julius stellt das Fahrrad ab, schließt es ordnungsgemäß ab und geht in Richtung des Gebäudes, wo er die nächsten quälenden Stunden verbringen muss. Ein ganz normaler Tag. Er steht allein vor der Tür während die anderen in verschiedenen kleinen Gruppen etwas abseits stehen. Julius bemerkt erst spät, da er nicht ganz bei der Sache ist, dass ein anderer Lehrer als sonst ihnen die Klasse auf macht. Alle Stürmen in die Klasse. Julius setzt sich wie immer hinten Links hin, und wartet erstmal ab.

Hallo Klasse, ich bin Jonathan Müller. Herr Specht ist heute krank und ich vertrete Ihn. Leider bin ich kein Deutschlehrer und kann daher eigentlich nichts mit euch anfangen.“ Ein Raunen geht durch die Klasse. Julius kann nur daran denken, dass wenn sie jetzt irgendwas sinnloses machen, die Zeit mit Sicherheit noch langsamer vergehen wird als üblich.

Daher hat Herr Specht mir eine Aufgabe für euch mit gegeben.

Die Klasse stöhnt.

Keine Angst, ich glaube es wird Spaß machen. Also, ihr sollt einen Aufsatz schreiben.

Die Klasse stöhnt noch lauter. Herr Müller ignoriert dies und redet weiter.

Einen Aufsatz über die Zukunft. Stellt euch vor was in 10, 15 oder 20 Jahren sein wird. Egal was. Den Bereich und das Thema dürft ihr beliebig selber wählen. Der Aufsatz wird benotet. Also, noch Fragen?

Julius ist ganz hellhörig geworden. Er meldet sich. Seine Klassenkameraden schauen ihn erstaunt an. Das ist das erste mal in diesem Jahr, dass er sich freiwillig meldet. Einer fragt sogar wer das überhaupt ist. Julius ignoriert ihn.

Ja, du da hinten…

Dürfen wir wirklich über alles schreiben?“ fragt Julius nochmal nach.

Ja sicher. Es muss nur irgendetwas mit der Zukunft zu tun haben.

Julius lächelt. Das erste mal in diesem Jahr, dass er in der Schule lächelt. Das letzte mal lächelte er, als sie nur zwei Stunden hatten wegen einer Lehrerkonferenz.

Julius holt einen Block und Stift raus und fängt an:

Meine Vision von dem perfekten Computerspiel.
von Julius Johanssen

Folgende Ausgangslage. Zwei Parteien die Krieg gegeneinander führen um die letzten Ressourcen dieser Welt. Der Spieler wird die volle Befehlsgewalt über die Figuren haben, die wie echte Menschen aussehen. Es wird einzelne Kämpfer geben und auch andere Einheiten, wie etwa Panzer, Hubschrauber und Roboter. Die Sicht auf das Spielgeschehen wird von oben sein, isometrisch, damit der Spieler auch alles im Blick hat. Auch wird es möglich sein, mehrere Kämpfer gleichzeitig zu steuern. Der Spieler wird taktisch denken müssen. Da der Gegner ebenfalls mehrere Kämpfer steuern kann. Alles wird in Echtzeit ablaufen, also keine langen Wartezeiten bis der Computer fertig ist mit seinen „Überlegungen“. Der Spieler muss natürlich auch für Nachschub sorgen, daher muss er auch Gebäude bauen wo seine Kämpfer und Roboter hergestellt werden. Jede Einheit von Kämpfern kostet Geld welches der Spieler sich besorgen muss. Er muss also auch gut wirtschaften können. Die Schlachtfelder werden riesengroß sein und eine kleine Übersichtskarte wird notwendig sein, damit der Spieler weiß wo er sich gerade befindet…

Julius schreibt sich fast schon in einen Rausch. Er hat seine Idee des Spiels noch nie zu Papier gebracht. Er hatte sie immer nur im Kopf. Er findet immer mehr gefallen daran. Er bastelt ein richtige Geschichte um das Spiel herum. Er beschreibt alles bis ins kleinste Detail.

Herr Müller steht von seinem Platz aus auf.

So, noch fünf Minuten, bitte fertig werden.

Erschrocken schaut Julius auf, er hat gar nicht gemerkt, dass er der einzige ist der noch schreibt. Alle anderen sind längst mit etwas anderem beschäftigt.

Aber ich bin noch nicht fertig!“, beklagt er sich beim Lehrer.

Herr Müller überlegt kurz.

Ich denke das geht schon in Ordnung. Schreib einfach den Satz zu ende und gut ist, wir wollen es ja auch nicht übertreiben.

Zähneknirschend beendet Julius den Satz und schreibt noch unter seinem Aufsatz, dass er eben noch nicht fertig ist und er noch eine Menge dazu erzählen könnte, die Zeit aber nicht mehr ausreicht.

Eine Woche später, Herr Specht ist schon lange wieder da, verteilt die Aufsätze, korrigiert und benotet. Bei Julius bleibt er stehen, schaut ihn und kopfschüttelnd sagt er:

Julius, du hast vielleicht eine blühende Fantasie. Das ist doch ziemlich verrückt was du da geschrieben hat. Daher ist es nur eine drei. Es sollte schon etwas sein, dass auch möglich sein sollte. Was du da geschrieben hast ist einfach nur Blödsinn.

Crey

5 Antworten zu “Visionen eines Computerheinis”

  1. Voldo X sagt:

    Ich bin begeistert Crey! Dies ist meiner Meinung nach mit Abstand deine beste Geschichte! Grandios! =)

  2. ATeKa sagt:

    kann mich voldo nur anschließen, sehr sehr gute story. :D

  3. suspects sagt:

    Gut gemacht :)

  4. justus sagt:

    Die Geschichte ist echt super. Liest sich vom Anfang bis zum Ende super flüßig. Echt toll!!!

  5. Bernhard B. sagt:

    Eine wirklich überzeugende Geschichte. Sie zeigt das Leben eines Jungen, der weit über die Erfahrungen seiner Mitschüler und seiner Lehrer ( auch seiner Eltern ) hinaus gegangen ist und sich seine eigene Welt erschaffen hat. Ich werde an Phasen der Entwicklung von Tim B. erinnert. Mach weiter so mit Deinen Texten!

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